16. Nationales DRG Forum Berlin 2017

Das Natio­nale DRG-Forum ist nach Anga­ben der Ver­an­stal­ter seit 15 Jah­ren die größte Dis­kus­si­ons­platt­form für Kran­ken­haus­ma­na­ger und Ent­schei­dungs­trä­ger aus Poli­tik, Wirt­schaft, Ver­bän­den und Wis­sen­schaft. Getra­gen wird die Ver­an­stal­tung von den wesent­li­chen Part­nern der Selbst­ver­wal­tung, ver­an­stal­tet vom Bibliomed-Verlag und der B. Braun-Stiftung.

Leit­thema des dies­jäh­rige Forums, (23. und 24. März 2017 in Ber­lin) das zum ers­ten Mal auch dem dyna­misch wach­sen­den Sek­tor Reha­bi­li­ta­tion eine Platt­form bot, war die Digi­ta­li­sie­rung im Gesund­heits­we­sen. Die­ser Pro­zess, mit dem die Gesund­heits­wirt­schaft bereits Erfah­run­gen gesam­melt hat, soll die For­de­rung nach mehr Effi­zi­enz erfül­len und gewinnt auch unter dem Druck zuneh­mend digi­tal leben­der — mün­di­ger — Pati­en­ten und ihrer For­de­rung nach Trans­pa­renz an Dyna­mik. Das Podium am 2. Ver­an­stal­tungs­tag befasste sich dann auch mit dem wach­sen­den Hand­lungs­druck, dem sich die Gesund­heits­wirt­schaft in Deutsch­land gegen­über­sieht.

Keynote Sascha Lobo “Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung”

Sascha Lobo hatte vorab in sei­ner Keynote mit dem Titel „Digi­ta­li­sie­rung in der Gesund­heits­ver­sor­gung – wie das Netz die Welt ver­än­dert und was das für die Gesund­heits­wirt­schaft bedeu­tet“ fol­gende Posi­tio­nen vor­ge­stellt:

  • Nicht Tech­no­lo­gien ver­än­dern die Welt, son­dern die Art, wie Leute sie benut­zen
  • Es gibt eine Sen­so­ren­flut (Anm. für zahl­rei­che Vor­gänge im Kör­per gibt es bereits Apps mit denen man sie mes­sen kann) und eine regel­rechte Daten­be­geis­te­rung
  • Es gibt einen gesell­schaft­li­chen Wan­del hin zu mehr Con­ve­ni­ence. In der digi­ta­len Welt sind das Pro­gramme, die das Leben beque­mer machen
  • Die Macht über die Daten­ströme wer­den zukünf­tig die­je­ni­gen Anbie­ter habe, die den Anspruch an Con­ve­ni­ence am bes­ten erfül­len – und das muss nicht unbe­dingt ein Kran­ken­haus sein
  • Die Nut­zung mobi­ler Devices wird in Kürze die Desk­top­nut­zung über­holt haben
  • Die Nut­zung von Smart­pho­nes in den Gene­ra­tio­nen y und z ist so vor­herr­schend, dass sie teil­weise zum Rück­gang von Jugend­kri­mi­na­li­tät und Dro­gen­kon­sum geführt habe (links)
  • Das Smart­phone wird quasi zur Fern­be­die­nung des eige­nen Lebens und Gesund­heit wird Teil eines digi­ta­len Life­sty­les
  • Platt­for­men wer­den im Wett­be­werb um Kun­den­be­zie­hun­gen zu digi­ta­len Öko­sys­te­men.
  • Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus ist das Syn­onym für eine Wirt­schafts­form, die am Ende der digi­ta­len Trans­for­ma­tion steht und bei der die Wert­schöp­fung in die digi­tale Sphäre wan­dert.
  • Google Alphabet/Verliy ist nur ein Bei­spiel eines glo­ba­len Play­ers, der an der digi­ta­len Aus­wer­tung glo­ba­ler Pati­en­ten­da­ten und Ent­wick­lung digi­ta­ler Medi­zin­kon­zepte arbei­tet und dabei auf fast uner­schöpf­li­che Kapi­tal­re­ser­ven zurück­grei­fen kann. Auch der App-Markt von Apple greift bereits in die Ver­ar­bei­tung von Gesund­heits­da­ten in Kran­ken­häu­ern ein.
  • Digi­tale Algo­ryth­men sind bereits so sicher wie die Pille – haben aber nicht deren Neben­wir­kun­gen
  • Peter F. Dru­cker wird mit dem Zitat erwähnt: „What gets mea­su­red gets mana­ged“ – und kann ver­mark­tet wer­den.
  • Neue Daten­ströme brin­gen neue Effi­zi­en­zen kön­nen aber auch zu Effi­zi­enz­ra­di­ka­li­tät füh­ren: Hier wird das Bei­spiel einer Über­wa­chungs­soft­ware ange­führt, die auf einer Bau­stelle mit­tels Kamera die Bewe­gung jedes ein­zel­nen Arbei­ters in Echt­zeit misst und damit aus­wert­bar macht, ob der Mann effi­zi­ent genug gear­bei­tet hat. Ein wei­te­res Bei­spiel ist das eines Medi­ka­ments mit Mikro­sen­sor, der anzeigt, ob der Pati­ent seine Pille auch tat­säch­lich geschluckt hat. Dies wurde aller­dings bei Pati­en­ten mit einer para­no­iden Stö­rung erprobt und aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den ein­ge­stellt
  • Kon­kur­renz auf dem Gesund­heits­markt ist nicht nur glo­bal, sie kommt auch von uner­war­te­ter Seite: von Google (s.o.) und aus der Auto­in­dus­trie: hier gibt es bereits Ent­wick­lun­gen die das Auto zur Gesund­heits­plat­form machen (http://www.healthcareitnews.com/news/ford-looks-introduce-health-wellness-apps-its-cars)

Podiumsdiskussion “Big Data, Selftracking, Predictive Analytics: Wer steuert die Versorgung von morgen?”

In der anschlie­ßen­den Podi­ums­dis­kus­sion kamen die Akteure des Gesund­heits­we­sens selbst zu Wort, grif­fen die Key Note The­men auf und mach­ten die wich­tigs­ten Posi­tio­nen klar: Dr. André M. Schmidt Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung (CEO) bei MEDIAN Kli­ni­ken:
Auch die Reha­bi­li­ta­tion erfährt durch die Digi­ta­li­sie­rung einen extre­men Ver­än­de­rungs­druck. Unser Auf­trag in allen Berei­chen ist die Teil­habe für unsere Pati­en­ten zu ermög­li­chen. Hier stellt sich uns die Frage, wie wir das zukünf­tig unter den Bedin­gun­gen der Digi­ta­li­sie­rung abbil­den und den rich­ti­gen Out­come sicher­stel­len. Men­schen müs­sen moti­viert wer­den, auch mit digi­ta­len Mög­lich­kei­ten, und MEDIAN kann hier im Bereich Pati­en­ten­schu­lung einen bedeu­ten­den Bei­trag leis­ten. Auf die Frage aus dem Publi­kum, wie Daten­ströme offe­ner gestal­tet wer­den kön­nen wer­den kön­nen, denn hier gebe es noch einen GAP zwi­schen Vision und Rea­li­tät — ant­wor­tet Dr. Schmidt, dass es zunächst das Ziel sei, über­all und flä­chen­de­ckend W-Lan anzu­bie­ten. Auch eine der größ­ten Blo­cka­den, die sek­t­o­ri­el­len Struk­tu­ren im Gesund­heits­we­sen, müss­ten im Inter­esse eines effi­zi­en­ten Daten­aus­tauschs drin­gend besei­tigt wer­den.
Lars F. Lin­de­mann, Haupt­ge­schäfts­füh­rer Spit­zen­ver­band Fach­ärzte Deutsch­lands e.V., Ber­lin hält die bestehen­den Selbst­ver­wal­tungs­struk­tu­ren für inno­va­ti­ons­feind­lich. Ein Skan­dal sei auch, dass Whats­app heut­zu­tage das meist­ge­nutzte Mit­tel zur Über­tra­gung von Pati­en­ten­da­ten sei, hier brau­che es drin­gend eine “Bypass­lö­sung”. Einer Schnitt­stel­len­of­fen­heit stehe die Pra­xis­ver­wal­tung gegen­über, hier könne der Staat für mehr Schnitt­stel­len­neu­tra­li­tät sor­gen.
Prof. Dr. Chris­toph Straub, Vor­stands­vor­sit­zen­der der BARMER, Ber­lin berich­tet von Erfah­run­gen mit einem päd­ia­tri­schem Tele­kon­sil. Er selbst sei zwar nicht auf face­book und twit­ter aber bei Whats­app; Vor Jah­ren habe es in sei­nem Umfeld die Anre­gung gege­ben dass Pati­en­ten im Chat­room, also in geschütz­ten vir­tu­el­len Räu­men mit ihren The­ra­peu­ten spre­chen kön­nen. Dies sei aber nicht wei­ter ver­folgt wor­den. Zu einer ande­ren Frage, der soge­nann­ten Schuld­frage äußert er sich ableh­nend und bringt das Bei­spiel eines Tat­toos an: hier solle man, wenn es Jahre nach einer Täto­wie­rung zu Kom­pli­ka­tio­nen kommt nicht auto­ma­tisch den Pati­en­ten zur Ver­ant­wor­tung zie­hen.
Daniel Schmit­hau­sen, Medi­cal Con­sul­tant Mana­ger, 3M Deutsch­land GmbH, Neuss berich­tet über das Kon­zept des Mon­te­fiore Medi­cal Cen­ters in New York: Im Rah­men des Family and Social Medi­cine Resi­dency Pro­gram Tracks gehen Ärzte zusam­men mit den Pfle­ge­kräf­ten in die Haus­halte um beson­ders bedürf­tige Fami­lien mit medi­zi­nisch sozia­len Hilfs­an­ge­bo­ten zu unter­stüt­zen. Auch in Deutsch­land sieht er viel Poten­tial, mit Hilfe von Digi­ta­li­sie­rung manu­elle Pro­zesse zu unter­stüt­zen. Ein Pro­blem sieht er in der feh­len­den Ebene zwi­schen Kos­ten­trä­gern und Leis­tungs­er­brin­gern, hier gebe es einen viel zu hohen Abstim­mungs­be­darf. Bei einer effi­zi­en­te­ren Nut­zung von Daten könne man bereits bei der Ein­wei­sung Aus­sa­gen tref­fen, die für den Pati­en­ten von Vor­teil sind.
Dr. Tho­mas Wolf­ram, Vor­sit­zen­der der Kon­zern­ge­schäfts­füh­rung, Askle­pios Kli­ni­ken Ver­wal­tungs­ge­sell­schaft mbH, Ham­burg äußert sich zu Big­data wie folgt: viele Gesell­schaf­ten gene­rie­ren aus rie­si­gen Daten­men­gen The­ra­pie­emp­feh­lun­gen, beson­ders in der Onko­lo­gie. Für eine echte per­so­na­li­sierte leit­li­ni­en­ori­en­tierte Medi­zin sind per­so­ni­fi­zierte Schnitt­stel­len jedoch ein Muss weil es sonst recht­li­che Pro­bleme für Ärzte geben könne.
Dr. Mar­kus Müsche­nich, Geschäfts­füh­rer, FLYING HEALTH Incu­ba­tor, Ber­lin, kri­ti­siert dass in der Dis­kus­sion die Schuld ein­sei­tig auf Struk­tu­ren gescho­ben werde. Es werde alles im Bereich der Digi­ta­li­sie­rung kom­men, auch an den Ärz­ten vor­bei. An einem Bei­spiel, bei dem es um die Aus­wer­tung von Fotos von Haut­tu­mo­ren geht, wird deut­lich, dass mit Hilfe von KI — Künst­li­cher Intel­li­genz — Dia­gno­sen im Bruch­teil der bis­he­ri­gen Zeit gestellt wer­den könn­ten. Der digi­tale Sek­tor werde sich aus den ande­ren Sek­to­ren spei­sen. Platt­for­men wer­den die Pati­en­ten­ströme steu­ern. Die Unter­neh­men, die hier einen tech­ni­schen Vor­sprung haben, wer­den ganz vorne in der Wert­schöp­fungs­kette sit­zen und das müss­ten nicht immer die klas­si­schen Gesund­heits­an­bie­ter sein. In einem mög­li­chen Sze­na­rio könn­ten Gesund­heits­platt­for­men so mäch­tig wer­den, dass Kran­ken­häu­ser zukünf­tig nur noch Pro­vi­der sein wür­den die Knie ein­bauen.
Daniel Schmit­hau­sen wider­spricht dem: die Platt­for­men müss­ten von den Leis­tungs­er­brin­gern kom­men, denn diese seien die Exper­ten. Lin­de­mann: davon sei man nicht nur weit ent­fernt, es stelle sich auch die Frage, ob das die Struk­tu­ren seien die man haben wolle. Hier brau­che man aber Bein­frei­heit und das Auf­bre­chen bestimm­ter Struk­tu­ren.
Phil­ipp Grät­zel von Grätz, Freier Jour­na­list und Autor, Ber­lin Mode­ra­tion), ergänzt, dass es bereits zwei große Platt­for­men gebe: die AOK Nord­ost mit Cisco, Sana und Vivan­tes und die TKK mit IBM. Er warnt warnt vor Par­al­lel­sys­te­men und dass Pati­en­ten sich nicht mehr von Ärz­ten son­dern von Check Apps unter­su­chen las­sen wür­den. Er ist froh, dass die Regie­rung sich hin­ter die Ent­wick­lung der Tele­ma­tik­struk­tur gestellt habe. Müsche­nich bringt noch ein­mal den Fak­tor Zeit ins Spiel: Am Bei­spiel Ver­ga­ser­mo­tor, der ein Aus­lauf­mo­dell sei, könne man in etwa nach­voll­zie­hen, dass Ideen alleine nicht rei­chen, son­dern Schnel­lig­keit zähle. Chris­toph Straub gibt auch zu beden­ken, dass die Poli­tik nicht will, dass Kas­sen kli­ni­sche Befund­da­ten bekom­men. Bei der BEK spre­che man von 9 Mio. Ver­si­cher­ten: deren Daten­ströme zu besit­zen bedeute Macht. André Schmidt kann die Daten­schutz­dis­kus­sion ver­ste­hen, trotz­dem ziehe die Welt, ins­be­son­dere die glo­ba­len Akteure an sol­chen Beden­ken vor­bei. Die Men­gen und Arten der Behand­lun­gen wür­den sich zukünf­tig ändern und die Daten dahin gehen, wo der Nut­zen sei, wahr­schein­lich in die USA. Er plä­diert für mutige Ent­schei­dun­gen und ein Ende der Zöger­lich­keit. Auch Müsche­nich bestä­tigt, dass der Wett­be­werb um Gesund­heits­da­ten defi­ni­tiv glo­bal gewor­den sei. Straub bedau­ert, dass die Fähig­keit, sich gemein­sam zu orga­ni­sie­ren unter dem Kos­ten­druck der ver­gan­ge­nen Jahre ver­lo­ren­ge­gan­gen sei. Lin­de­mann for­dert abschlie­ßend ein Antrags­recht der Pati­en­ten an den GBA (Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss).

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