3 Fragen an … Peter Bechtel, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Pflegemanagement e.V.

14. August 2014

Interviews

Foto: Stephanie Pillick, Berlin

Foto: Stephanie Pillick, Berlin

Wenn Sie eine Frage zum Thema Pflege haben, dieser Mann weiß Bescheid. Peter Bechtel ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Pflegemanagement e.V. In diesem Bundesverband haben sich rund 1.000 Mitglieder zusammengeschlossen, 15 Bundesländer sind dabei vertreten. Die Anfänge des Verbands reichen bis 1974 zurück, als sich die ersten Initiativen auf Landesebene bildeten, um sich um die Stärkung der Berufsgruppe der Pflegenden zu kümmern.
Peter Bechtel selbst hat eine Ausbildung zum examinierten Krankenpfleger absolviert. Danach war er unter anderem im OP, in der Inneren Abteilung und als Assistenz an einer Krankenpflegeschule tätig, bevor er 1985 eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung abschloss.

1. HBundesverband Pflegemanagementerr Bechtel, Sie sind nicht nur Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Pflegemanagement, sondern auch Pflegedirektor im Uni-Herzzentrum Freiburg ∙ Bad Krozingen, das heißt, Sie kommen aus der Praxis, wissen, wo der Schuh drückt und was gut läuft. Was beschäftigt Sie derzeit vorrangig, was ist das dringlichste Problem im Bereich Pflege und welche Entwicklung freut Sie am meisten? Gibt es große regionale Unterschiede im Bereich Pflege?Herzzentrum Freiburg

Peter Bechtel: Aktuell beschäftigen uns die sich ständig verschlechternden finanziellen Rahmenbedingungen für die Kliniken in Deutschland. Prognostisch schreiben ca. 60 % der Kliniken in diesem Jahr tiefrote Zahlen, ein klares Alarmsignal. Das führt in den Kliniken dazu, dass mit den vorhandenen Ressourcen die Leitungen ausgebaut werden müssen, um finanziell zu überleben, ein aus meiner Sicht völlig falscher Anreiz, eigentlich ein klarer Systemfehler.
Für die Profession Pflege bedeutet dies, dass es weiterhin zu Leistungsverdichtungen durch Fallzahlsteigerung und Verweildauerverkürzung kommt. Dazu noch die Zunahme an älteren und multimorbiden Patienten, Patienten mit Demenz und Alzheimer, wir sind an der Grenze des zumutbaren angelangt, teilweise haben wir diese schon überschritten. Wir brauchen dringend ein aufeinander abgestimmtes Maßnahmenbündel, um die Arbeitsbedingungen für die Profession Pflege in allen Versorgungsbereichen grundlegend zu verbessern.
Mit großer Freude beobachte ich die Entwicklung von Pflegekammern in Deutschland. Der Blick nach Rheinland Pfalz zeigt uns, dass diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten sein wird, da in diesem Bundesland die Weichen gestellt sind, dass wir hier mit Beginn des Jahres 2016 die erste Pflegekammer in Deutschland haben werden.
Sicherlich gibt es regionale Unterschiede im Bereich der Pflege, die grundlegenden Probleme wie Fachkräftemangel etc. ziehen sich allerdings quer übers Land!

2. Wie schlimm ist der Fachkräftemangel wirklich und was glauben Sie, muss getan werden, um den Fachkräftemangel zumindest abzufedern? Oder müssen wir uns aufgrund des demografischen Wandels einfach damit abfinden?
Peter Bechtel: Der Fachkräftemangel ist schon da, wenn von der Politik auch immer wieder als nicht existent abgetan. Wir brauchen einen im Detail aufeinander abgestimmten Maßnahmenplan mit unterschiedlichen Bausteinen. Wer nur auf bessere Bezahlung setzt, greift viel zu kurz. Bezahlung ist sicherlich ein Part, in der Werteskala bei Befragungen der Berufsgruppe allerdings nicht an erster Stelle. Es geht sehr stark um Wertschätzung und Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen, insbesondere mit dem ärztlichen Dienst. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung und vernünftige Arbeitsbedingungen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir brauchen dringend ein neues Berufsgesetz mit der passenden Ausbildungs- und Prüfungsordnung und einer Festschreibung von vorbehaltenen Tätigkeiten für die Profession Pflege. Wir brauchen keine neue Imagekampagne, das Geld können wir in die geschilderten Maßnahmen sinnvoller einsetzen. Wir können uns nicht mit dem Fachkräftemangel abfinden mit dem Alibi, dass der demografische Wandel nicht aufzuhalten ist. Vielmehr brauchen wir die längst überfällige sachbezogene Diskussion, wer künftig welche Aufgabe mit welcher Qualifikation, mit welcher Qualität und zu welchem Preis übernehmen soll, inkl. des ärztlichen Bereichs. Nur so kann es annähernd gelingen, die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung in Zukunft nur halbwegs zu stemmen.

3. Welchen Stellenwert nimmt die Personalabteilung ein bzw. mit welchen Innovationen kann/muss aus Ihrer Perspektive das Personalmanagement eingreifen?
Peter Bechtel: Personalbindung geht vor Personalrekrutierung. Wir müssen alles dafür tun, die Menschen zu halten, die im Beruf sind bzw. in einer Einrichtung des Gesundheitswesens in der professionellen Pflege arbeiten. Dazu zählen Stichworte wie Personalentwicklung, Karriereplanung, Fort- und Weiterbildung, Wertschätzung etc. Das Personalmanagement hat hier die größte Verantwortung. Wir brauchen adäquate Führungsstrukturen und Menschen, die diese Positionen auch wirklich inhaltlich ausfüllen. In diesem Zusammenhang stellt sich für mich die Frage, ob Management wirklich noch passend ist oder ob es nicht vielmehr um Leadership geht.

Eigentlich haben wir ja nun schon unsere 3 Fragen gestellt, aber es interessiert uns doch noch, was Sie von der Akademisierung der Pflege halten? Befürchten Sie nicht, dass die Pflegekräfte vom Patienten wegqualifiziert werden bzw. weniger junge Menschen diesen Beruf ergreifen können, weil z.B. ihr Schulabschluss oder Notendurchschnitt nicht ausreichend ist?
Peter Bechtel: Dieses Thema wird leider sehr oft in einer „Schwarz-Weiß-Diskussion“ besprochen. Wir brauchen und haben die Akademisierung der Pflege und das ist richtig. Die Frage wird doch vielmehr sein, wie setzen wir die akademisch gebildeten Pflegekräfte in der Praxis ein, dass sie in die direkte Patientenversorgung eingebunden sind und bleiben. Es geht doch nicht darum, dass wir die komplette Pflege in Deutschland in den kommenden Jahren akademisieren, das ist doch völlig realitätsfremd. Wir bräuchten ca. 40 Jahre, um überhaupt mal in den zweistelligen prozentualen Bereich zu kommen. Qualifikationsmix wird in Zukunft noch viel mehr eine Rolle spielen, um die Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung auf Dauer sicher zu stellen. Hier hat die akademische Pflege ihren Platz, aber auch die konventionelle Ausbildung über 3 Jahre wie auch entsprechende Qualifikationen unter diesem Niveau!

Herr Bechtel, herzlichen Dank für das Interview und Ihr Engagement für die Pflege!

 

Die Fragen stellte Vera Babilon.

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