Fachkräftemangel im Gesundheitswesen – Was kann die Politik tun?

23. Dezember 2015

Employerbranding, Interviews

Maria Michalk - Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gesundheit

Maria Mich­alk — Vor­sit­zende der Arbeits­gruppe Gesund­heit

Obwohl die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung seit den 1970er Jah­ren abseh­bar ist, wurde sie lange igno­riert. Heute sind die Aus­wir­kun­gen der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung deut­lich erkenn­bar. Man­che mei­nen, ein Bedro­hungs­sze­na­rio vor sich zu haben. Mir ist es wich­tig, die neuen Her­aus­for­de­run­gen als Chance zu begrei­fen, und zwar in allen Berei­chen unse­rer Gesell­schaft. Des­halb kommt es als ers­tes dar­auf an, die weit ver­brei­tete Skep­sis gegen­über Neuem, Inno­va­tio­nen und Ver­än­de­run­gen abzu­bauen, bes­ser noch zu ver­lie­ren.
Für die Gesund­heits­po­li­tik bedeu­tet das als ers­tes eine ver­schärfte Kon­kur­renz der Leis­tungs­er­brin­ger mit ande­ren Berufs­fel­dern schon bei der Ent­schei­dung der Berufs­wahl. Alle wer­ben um die weni­ger gewor­de­nen jun­gen Men­schen. Attrak­ti­vi­tät und Per­spek­tive eines jeden Beru­fes tre­ten stär­ker in Erschei­nung.
Im Gesund­heits­we­sen mehr als bis­her müs­sen sich alle zwei­tens stär­ker auf die Zunahme älte­rer und mul­ti­mor­bi­der Pati­en­ten ein­stel­len. Ob Pfle­ge­be­rufe, Ärzte, Apo­the­ker, Zahn­ärzte, Psy­cho­the­ra­peu­ten, Heil­mit­te­ler­brin­ger und viele mehr, alle müs­sen bereits in ihrer Aus­bil­dung und dann auch in der Wei­ter­bil­dung dar­auf ein­ge­stellt sein, denn nie­mand kommt an die­sem Fakt vor­bei. Bei der Lang­zeit­pflege steigt die Kom­ple­xi­tät der pfle­ge­ri­schen Ver­sor­gungs­be­darfe. Im Kran­ken­haus wächst der Anteil älte­rer und durch Demenz ver­än­der­ter Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, in den nie­der­ge­las­se­nen Pra­xen ist Bar­rie­re­frei­heit und mehr Unter­stüt­zung und damit mehr Zeit not­wen­dig und nicht zuletzt sind auch Ver­än­de­run­gen im Notfall- und Ret­tungs­we­sen nicht mehr aus­zu­blen­den.
Zum Drit­ten ist zu beach­ten, dass die jetzt im Gesund­heits­we­sen akti­ven Leis­tungs­er­brin­ger in zuneh­men­der Grö­ßen­ord­nung alters­be­dingt in den wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand gehen wer­den. Wie schwer es ist, im nie­der­ge­las­se­nen Bereich eine Nach­fol­ge­rin oder einen Nach­fol­ger zu fin­den, ist inzwi­schen in allen Tei­len unse­res Lan­des bei­spiel­haft hin­ter­legt.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass bis zum Jahr 2025 der Bedarf an zusätz­li­chen Pfle­ge­kräf­ten auf 300 000 ansteigt. 61 % aller Pfle­ge­be­triebe suchen heute schon Per­so­nal. Auf 100 freie Stel­len kom­men 45 Bewer­ber. Ein Sechs­tel aller Pfle­ge­be­triebe hat bereits Fach­kräfte aus dem Aus­land rekru­tiert. Den­noch: mehr qua­li­fi­zierte Ein­wan­de­rung darf nicht die eigent­li­chen Auf­ga­ben in den Hin­ter­grund tre­ten las­sen, und das sind Bezah­lung, Arbeits­be­las­tung und das Anse­hen in den Pfle­ge­be­ru­fen.
Im Bereich der Medi­zi­ner ist zusätz­lich auf die modi­fi­zier­ten Erwar­tun­gen der Medi­zin­stu­den­ten zu reagie­ren, die in der Arbeits­zeit­ge­stal­tung, im Haf­tungs­ri­siko und in der Attrak­ti­vi­tät der Berufs­aus­übungs­re­gion lie­gen.

Des­halb stellt sich die Frage, was unter­nimmt die Poli­tik mit Blick auf diese sehr dif­fe­ren­zierte Ent­wick­lung?
Hier ist zuerst auf die Initia­tive der Bun­des­re­gie­rung aus dem Jahr 2012 hin­zu­wei­sen, die in der Alten­pflege eine Ausbildungs- und Qua­li­fi­zie­rungs­of­fen­sive star­tete. Hier wird vor allem die Aus- und Wei­ter­bil­dung geför­dert. Sie unter­stützt auch soge­nannte Quer­ein­stei­ger in die­sem Bereich, z.B. durch die Über­nahme der Umschu­lungs­kos­ten im drit­ten Aus­bil­dungs­jahr durch die Bun­des­agen­tur für Arbeit. Es gibt auch unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen die Aus­bil­dungs­ver­kür­zung. Auch die Nach­qua­li­fi­zie­rung von Pfle­ge­hel­fe­rin­nen und Pfle­ge­hel­fern ist ein wich­ti­ges Ele­ment.
Das Zwi­schen­er­geb­nis die­ser Initia­tive bestä­tigt den Anstieg der Aus­bil­dungs­zah­len. Es gibt aber kei­nen Grund, in den Anstren­gun­gen nach­zu­las­sen. Des­halb wurde u.a. im Koali­ti­ons­ver­trag ver­ein­bart, die Pfle­ge­aus­bil­dung grund­sätz­lich zu refor­mie­ren. Neben der Gene­ra­lis­tik ist vor allem auch die Auf­wer­tung des Berufs­bil­des eines Alten­pfle­gers durch Anse­hen und Bezah­lung im Blick. Aber eben auch die Vor­be­rei­tung auf die unter­schied­li­chen alters­ge­rech­ten Her­aus­for­de­run­gen in der Kran­ken­pflege durch die älter wer­dende Gesell­schaft. Die­ses große Reform­pro­jekt in der dua­len Aus­bil­dung des Pfle­ge­be­ru­fes wird nur in enger Zusam­men­ar­beit mit allen Bun­des­län­dern sowie allen schu­li­schen Ein­rich­tun­gen und Pra­xis­be­trie­ben in den sta­tio­nä­ren und ambu­lan­ten Ver­sor­gungs­be­rei­chen gelin­gen.

Ähn­li­che Her­aus­for­de­run­gen bestehen in der Aus­bil­dung von Medi­zi­nern. Zwar haben wir der­zeit in Deutsch­land mehr Ärz­tin­nen und Ärzte als je zuvor, aber noch nie waren die Berufs­bil­der jun­ger Medi­zi­ner unter­schied­li­cher. Mehr als bis­her gekannt legen sie Wert auf eine gere­gelte Arbeits­zeit, was für die Berufs­aus­übung als Haus­arzt nicht immer rea­lis­tisch ist. Des­halb ist das Arbei­ten im Anstel­lungs­ver­hält­nis moder­ner gewor­den. Ob im Medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­zen­trum, im Kran­ken­haus oder auch im Phar­ma­be­reich, ist letzt­lich durch die sehr dif­fe­ren­zierte Spe­zia­li­sie­rung der moder­nen Medi­zin uner­heb­lich. Den Nach­teil haben wir daher in der tra­di­tio­nel­len haus­ärzt­li­chen Ver­sor­gung. Die Arbeits­zeit­ge­stal­tung von jun­gen Medi­zi­ne­rin­nen ist fami­li­en­ge­präg­ter und oft auf Teil­zeit aus­ge­rich­tet. Das sorgt für zusätz­li­chen Fach­kräf­te­be­darf.
Von daher ist die Viel­falt der Arbeits­mög­lich­kei­ten und Arbeits­zeit­ge­stal­tun­gen eine echte Not­wen­dig­keit, um auf den jewei­li­gen Bedarf vor Ort reagie­ren zu kön­nen. Gerade im länd­li­chen Raum ist der Bedarf dafür groß. Dass junge Medi­zi­ner wäh­rend der Fach­arzt­aus­bil­dung nicht nur in Bal­lungs­ge­bie­ten arbei­ten und dort letzt­lich auch ihren Arbeits­ort wäh­len, muss in die prak­ti­sche Aus­bil­dung auch die Ausbildungs- und Arbeits­mög­lich­keit des länd­li­chen Raums ein­be­zo­gen wer­den. Viele Kreis­kran­ken­häu­ser und auch nie­der­ge­las­sene Pra­xen sind Aus­bil­dungs­part­ner gewor­den und es zeigt sich in der Tat, dass dies zum Abbau von Vor­ur­tei­len gegen­über dem dün­ner besie­del­ten Raum führt und die Bereit­schaft, dort zu prak­ti­zie­ren, erhöht.
Wäh­rend des Stu­di­ums sind sowohl die Spe­zia­li­sie­rungs­mög­lich­kei­ten des Arzt­be­ru­fes auf­zu­zei­gen, als auch die Her­aus­for­de­run­gen in der Grund­ver­sor­gung und damit der Haus­arzt­tä­tig­keit. Das wol­len wir durch mehr Pra­xis­nähe schaf­fen.
Das Human­me­di­zin­stu­dium hat einen hohen wis­sen­schaft­li­chen Anspruch. Des­halb sind auch die Zugangs­vor­aus­set­zun­gen anspruchs­voll. Aller­dings sind bei den Stu­di­en­zu­las­sun­gen stär­ker als bis­her die Vor­qua­li­fi­ka­tion bzw. die men­tale Kom­po­nente für das Prak­ti­zie­ren in der Ver­sor­gungs­wirk­lich­keit zu berück­sich­ti­gen. Das ent­schei­den aber letzt­end­lich die Hoch­schu­len selbst. Von daher sind Modell­stu­di­en­gänge sehr sinn­voll.
Ebenso steht auf der Agenda die Pra­xis der Teil­zu­las­sun­gen. Und wenn in Deutsch­land die Stu­di­en­platz­zahl fest­ge­schrie­ben ist, so dass u.a. mit Ver­si­cher­ten­gel­dern Aus­lands­stu­di­en­plätze belegt und sub­ven­tio­niert wer­den, dann ist das zwar für die Ver­mei­dung von Fach­kräf­te­man­gel sinn­voll, ord­nungs­po­li­tisch aller­dings frag­lich. Hier brau­chen wir eine ehr­li­chere Dis­kus­sion.
Es geht also um eine ziel­ge­rich­te­tere Aus­wahl der Stu­di­en­platz­be­wer­ber, die früh­zei­tige För­de­rung der Pra­xis­nähe, die Stär­kung der All­ge­mein­me­di­zin im Stu­dium und die wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung des ärzt­li­chen Nach­wuch­ses.

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber muss aber auch dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass auch die Arzt­hel­fer, die MTA, die Psy­cho­the­ra­peu­ten, alle medi­zi­ni­schen Hand­werks­be­rufe, der Gesund­heits­fach­wirt und wei­tere im Gesund­heits­sys­tem not­wen­dige Fach­grup­pen im Kon­text des Wett­be­werbs um junge Fach­kräfte nicht ver­nach­läs­sigt wer­den dür­fen. Stär­ker als bis­her muss bei der Berufs­ori­en­tie­rung in den all­ge­mein­bil­den­den Schu­len und durch die Bun­des­agen­tur für Arbeit auf diese Berufs­chan­cen hin­ge­wie­sen wer­den.
Es han­delt sich zumeist um wohn­ort­nahe Ausbildungs- und Arbeits­plätze. Und da das Gesund­heits­we­sen eine stän­dig wach­sende Bran­che ist, sind dies auch Berufe mit Zukunft. Die­ser Aspekt ist auch stär­ker in der Öffent­lich­keit zu plat­zie­ren.

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