Frauenquote – auch in der Gesundheitswirtschaft?

8. Februar 2011

Recruiting Trends

Die Quote ist nach wie vor umstritten, obwohl ihre Wirksamkeit hinreichend belegt ist. Vor allem wenn ihre Umsetzung gesetzlich durchgedrückt werden soll, machen sich massive Ängste breit. Das Handelsblatt widmete dem Thema am 7. Januar 2011 immerhin vier Seiten und überraschte mit einer exklusiven Umfrage, die bestätigt, dass die Mehrheit der männlichen Führungskräfte gegen eine Quote ist. Dabei handelt es sich bei der Diskussion, die sich derzeit zu einem wahren Medienhype entwickelt, keineswegs um eine von Feministinnen inszenierte Attacke gegen männlich dominierte Machtbereiche: Bereits 1980 haben die UN politische Maßnahmen der Mitgliedsstaaten angemahnt, um die Diskriminierung von Frauen zu beseitigen (CEDAW). Und Artikel 3, Absatz 2 GG verpflichtet den Staat dazu, die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile (wie z.B. den nach wie vor bestehenden „Paygap“ von mehr als 25%) hinzuwirken.  Die Personalstrukturen in den Führungsebenen großer Unternehmen zeigen, dass sich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis nicht automatisch einstellt. Dabei setzen Parteien und Gewerkschaften Frauenquoten längst erfolgreich um und auch Unternehmerinnenverbände wie der VDU fordern inzwischen einen 40%igen Frauenanteil in börsennotierten Aufsichtsräten. Erfolgreiche Beispiele in Europa, allen voran Norwegen, zeigen, dass die Wirtschaft nicht zusammenbricht wenn eine Quote den Frauenanteil erhöht. Im Gegenteil: der 2. Teil der Studienreihe Women Matter von McKinsey (2008) bestätigt, dass die Förderung von „Gender Diversity“ und damit einer Vielfalt der Geschlechter in der Unternehmensführung von strategischer Bedeutung für den Unternehmenserfolg ist.
Was für die Wirtschaft generell gilt, kann grundsätzlich auch auf das Gesundheitswesen übertragen werden. Allerdings haben wir es hier mit Strukturen zu tun, die eine geschlechtsspezifische Berufsgruppenverteilung begünstigen: Pflegende und soziale Berufe waren immer schon Frauendomänen und das spiegelt sich auch in den aktuell verfügbaren Statistiken wieder: von 4,3 Millionen Beschäftigten im deutschen Gesundheitswesen waren im Erfassungszeitraum 2005* 3,1 Mio. Frauen, das entspricht einem Anteil von 72,3% (gegenüber einem Anteil in der Gesamtwirtschaft von 44,9%). In Krankenhäusern liegt der Frauenanteil bei 74,9% und in Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen bei 74,5%. Die Beschäftigtenzahlen alleine sagen jedoch noch nichts über die Qualität der Arbeitsverhältnisse aus. Wie auch in anderen Bereichen der Wirtschaft ist der Anteil an Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigten bei Frauen mit 1,5 Mio. gegenüber 180.00 Männern in Teilzeit-/gBV unverhältnismäßig hoch. Erfreulich ist, dass der Frauenanteil unter den Ärzten um 3 Prozentpunkte auf 47% angestiegen ist, allerdings sind nur zehn Prozent der leitenden ÄrztInnen Frauen, wie aus einem Artikel zum Thema Führungskräfte in KMA online vom 11.08.2010 hervorgeht.
* aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik bei Redaktionsschluss
Über den Anteil von Frauen in Führungspositionen des Gesundheitswesens gibt es keine einheitlichen Angaben. Auch muss man hier zwischen sehr heterogenen Unternehmensformen wie Pharmaunternehmen, Apotheken, Kliniken, Rehakliniken, Pflege- und Altenpflegeeinrichtungen unterscheiden. Herausragende Beispiele von Führungspersönlichkeiten wie z. B. Frau Dr. Elisabeth Harrison-Neu, die 2008 den von Kienbaum gestifteten KlinikAward erhielt, sind in der öffentlichen Wahrnehmung eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt aber auch im eher konservativ ausgerichteten Gesundheitswesen Bewegung in Sachen Gender. Nach wie vor setzt sich z.B. der Deutsche Ärztinnenbund für die Belange von Ärztinnen und Zahnärztinnen ein, hat Mentorinnenprogramme aufgelegt und eine konkrete „Checkliste für das familienfreundliche Krankenhaus“ erstellt.  Neuere Zusammenschlüsse wie das 2007 von Führungsfrauen der Pharmaindustrie gegründete Netzwerk healthcare-frauen.de bietet als „exklusives Netzwerk für Top-Managerinnen im Gesundheitswesen seinen Mitgliedern eine Möglichkeit, persönliche Kontakte zu Frauen in ähnlichen Positionen zu knüpfen und gegenseitig davon zu profitieren“.  Spezielle Führungskräfteseminare für Leitende Ärztinnen bietet Coach Dr. Ulrike Ley in Berlin an. Gemeinsam mit  Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk hat sie das „Führungsbuch für Ärztinnen“ geschrieben, beide Autorinnen führen Workshops zur „Gesunden Führung“ für Ärztinnen durch .
Wenn man den Ergebnissen der Mc Kinsey-Studien vertraut, dann machen Frauenquoten, ganz unabhängig davon ob sie erzwungen oder erwünscht sind, auch in den Führungsebenen von Krankenhäusern Sinn. Strategien wie z.B. das Qualitätsmanagement oder moderne Controlling- und Steuerungssysteme wurden bereits erfolgreich aus der freien Wirtschaft in das Gesundheitswesen übernommen. Gender Diversity wäre ein weiterer Meilenstein in einem Innovationsprozess, der angesichts ökonomischer Zwänge und der demografischen Entwicklung unumgänglich ist. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und eine Unternehmenskultur, die Frauenförderung als Führungsaufgabe ernst nimmt, sind unabdingbare  Voraussetzung, sonst bleibt es bei der Alibi- oder Quotenfrau, die sich als Einzelkämpferin einem männlich geprägten Arbeitsumfeld anpassen muss. Die kritische Masse, ab der sich etwas im Unternehmen bewegt, liegt übrigens nach Einschätzung von ExpertInnen bei mindesten drei Frauen – in den Führungsebenen wohlgemerkt.  Inzwischen haben viele Unternehmen den positiven Effekt gemischter Führungsteams erkannt. Und dass sich etwas bewegt, merken wir auch ganz konkret in unseren Stellenanzeigen, die zunehmend auf familienfreundliche Arbeitszeiten verweisen. Das war vor 10 Jahren kaum ein Thema.

, , ,

Comments are closed.