Im Fokus: Medizinische Fachkräfte aus der Slowakei

5. Februar 2015

International Recruiting

Bratislava_Panorama_01

Panormaansicht von Bratislava, Quelle: http://commons.wikimedia.org

Immer mehr medizinische Arbeitskräfte kommen aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland, um hier zu arbeiten und um ein neues Leben zu führen. Was sind die Anreize, die die Mediziner aus Osteuropa nach Deutschland bringen? Und gibt es Chancen und Hemmnisse für die Personalgewinnung? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich das kleine Land im Herzen Europas – die Slowakei – als Beispiel verwendet und näher unter die Lupe genommen.
Laut den Statistiken arbeiten ungefähr 849 slowakische Ärzte in Deutschland. Deutschland rangiert damit auf der Beliebtheitsskala bei den slowakischen Ärzten an zweiter Stelle, nur in der Tschechischen Republik findet man mehr Ärzte aus der Slowakei (wahrscheinlich aufgrund sprachlicher Ähnlichkeiten). Die Ärzte aus diesem kleinen Land gehören somit zur Top Ten der in Deutschland vertretenen ausländischen Mediziner.1

Arbeitslosigkeit

Ein Faktor, der eine große Rolle spielt, ist die hohe Arbeitslosigkeit. Sie liegt mit 12,6 % unter dem EU-Durchschnitt, aber an Deutschland gemessen mit nur 5% Arbeitslosen ist sie relativ hoch (Stand November 2014). Erfreulich ist die aktuelle Entwicklung: Seit Anfang 2014 sinkt die Anzahl der Arbeitslosen in der Slowakei.2

Finanzielle Gründe

Ein weiterer Anreiz sind die höheren Verdienstmöglichkeiten in Deutschland. Besonders die jungen Medizinabsolventen werden durch die hohen Löhne angelockt. Obwohl in der Slowakei die Gehälter von Ärzten in den letzten zwei Jahren durch eine Mindestlohnerhöhung gestiegen sind, liegen sie im Vergleich zu Deutschland immer noch ganz hinten. Einen großen Unterschied gibt es vor allem bei den Assistenzärzten ohne Spezialisierung. In Deutschland liegt das Durchschnittsgehalt bei 4.016 EUR, wobei sich die Gehaltsspanne zwischen 2.886 und 5.677 EUR bewegt. In der Slowakei liegt das Mindestgehalt für Assistenzärzte zurzeit bei 980 EUR, also nur ungefähr ein Drittel des in Deutschland gezahlten Gehalts. Daher ist der deutsche Gesundheitsarbeitsmarkt für die Absolventen mit geringer Praxiserfahrung besonders attraktiv.
Bei den Fachärzten liegt das Durchschnittsgehalt in Deutschland bei 5.104 EUR, wobei die wirklichen Gehälter zwischen 3.381 und 9.729 EUR schwanken können. In der Slowakei verdient ein Facharzt im Durchschnitt 2.150 EUR. Allerdings kann das Gehalt durch Zuschläge ansteigen, bei manchen Ärzten bis auf 6.000 EUR.
Im Pflegebereich ist der Unterschied noch deutlicher. Die deutschen Pflegekräfte verdienen durchschnittlich monatlich 2.308 EUR, die slowakische Krankenschwestern und Pfleger hingegen nur 1.022 EUR.

Arbeitsbedingungen

Nicht nur das Gehalt zieht die slowakische Ärzte und Pflegekräfte nach Deutschland. Auch höhere Lebens- und Arbeitsqualität sind ein entscheidender Faktor. Viele deutsche Kliniken sind mit ihren materiellen und finanzielle Ressourcen, ihrer technischer Ausstattung und fachlicher Expertise den slowakischen überlegen. Darüber hinaus werden den Mitarbeitern in Deutschland auch bessere Karriere- und Aufstiegchancen sowie Weiterbildungsmöglichkeiten geboten.

Bildungssystem

Die medizinische Ausbildung ist im Vergleich zu der in Deutschland hoch akademisiert. Die Ausbildung findet auf zwei Ebenen statt – auf der sekundären Ebene durch medizinische Berufsschulen und auf der tertiären Ebene durch Hochschulen und Universitäten.

Comenius-Universität

Comenius-Universität in Bratislava

An den Hochschulen und Universitäten werden nicht nur Ärzte ausgebildet, sondern auch Pfleger, Hebammen, Pharmazeuten, Physiotherapeuten oder Ernährungsassistenten. Viele dieser Berufe kann man ausschließlich durch ein Bachelor- oder Masterstudium erlernen, daher haben sie im Vergleich zur Ausbildung in Deutschland einen sehr viel höheren Theorieanteil. Ein Nachteil dieses Bildungssystems ist die geringere Spezialisierung. Durch das Pflegestudium erlangt man eine allgemeine Qualifizierung als Pfleger. Um eine Spezialisierung zu erwerben, muss man sich weiterbilden, um z.B. eine Zusatzqualifikation als Kinder- oder Altenpfleger zu erwerben.
Um sich als Arzt zu qualifizieren, muss man an einer Universität ein Studium in Humanmedizin absolvieren, bei den Zahnärzten ist es der Studiengang Zahnmedizin. Das Studium dauert in der Regel sechs Jahre, findet an einer Universität statt und wird mit einen Staatsexamen und einer Disputation abgeschlossen. Durch die Anpassung an den Bologna-Prozess ist das Studium inhaltlich und strukturell dem in Deutschland ähnlich und wird in allen EU-Ländern anerkannt. Nach dem Studienabschluss streben die meisten Absolventen eine Weiterbildung als Facharzt an. Ähnlich wie in Deutschland findet die ärztliche Weiterbildung in einer berechtigten Gesundheitseinrichtung statt und besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Die ärztliche Spezialisierung dauert in der Regel drei bis fünf Jahre abhängig vom Fachbereich. Neben den Hochschulen findet die medizinische Ausbildung auch an Berufsschulen statt.
Medizinische Berufsschulen sind Einrichtungen der Sekundärebene. Die Schüler erlangen hier eine Doppelqualifikation, einerseits Allgemeinbildung und andererseits die berufliche Ausbildung, die stark in der Praxis verankert ist. Medizinische Berufsschulen dauern üblicherweise vier Jahre und bilden überwiegend für Assistenz- und Hilfsberufe aus, wie z.B. Gesundheitsassistent, Ernährungsassistent, Zahnarztassistent, aber auch für Berufe, die keinen großen Theorieanteil benötigen, wie pharmazeutischer Laborant, orthopädischer Techniker Maser oder Sanitär. Im Anschluss an die Berufsschule sind weitere Zusatzqualifikationen möglich.

Sprachliche Kompetenz

Die Deutsche Sprache hat sich in der Slowakei schon seit Langem als Fremdsprache etabliert. Laut der Studie von Eurobarometer beherrschen 28% der Menschen in der Slowakei Deutsch als Fremdsprache.3 Sehr gut Deutsch spricht insbesondere die junge Generation, vor allem Studenten, Menschen mit höherem Bildungsstand und Einwohner aus größeren Städten.
Deutsch wird in der Slowakei in der Grundschule oder am Gymnasium als erste oder zweite Fremdsprache gelernt, wobei sich die Schüler am Gymnasium ihre Fremdsprachen auswählen können. Es besteht die Möglichkeit, das Abitur in Deutsch zu machen, was dem Sprachniveau B1 entspricht. Darüber hinaus gibt es zurzeit auch bilinguale Gymnasien, an denen der Unterricht teilweise auf Deutsch verläuft, die ganze Abiturprüfung wird dann in deutscher Sprache abgelegt, sodass das Abitur in Deutschland als gleichwertig anerkannt wird.
Auch an manchen Hochschulen wird auf Deutsch unterrichtet. Die medizinischen Hochschulen und Universitäten bieten diese Möglichkeit zurzeit nicht, aber man kann sich als Student für allgemeinen Deutschunterricht oder medizinisches Deutsch als Wahlveranstaltung eintragen oder sogar auch die Abschlussarbeit auf Deutsch schreiben.

Fazit

Die slowakischen Arbeitskräfte sind aufgrund einer guten fachlichen Qualifizierung und sprachlichen Fähigkeiten für den deutschen Arbeitsmarkt attraktiv. Andererseits werden viele slowakischen Mediziner durch die besseren wirtschaftlichen und beruflichen Bedingungen nach Deutschland gelockt und motiviert, hier auch langfristig zu bleiben. Eine ähnliche Situation herrscht auch in vielen anderen osteuropäischen Ländern. Somit bieten die slowakischen Arbeitskräfte wie auch die Arbeitskräfte aus vielen anderen osteuropäischen Ländern eine Möglichkeit, den bestehenden Personalmangel im Gesundheitswesen teilweise auch langfristig zu entschärfen und somit die Lage zu verbessern.


Quellen

  1. http://de.statista.com/infografik/1764/auslaendische-aerzte-in-deutschland/
  2. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/160142/umfrage/arbeitslosenquote-in-den-eu-laendern/
  3. http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_243_sum_de.pdf
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