Kai Sostmann (Charité) auf der Re:publica 2011 über Medizin und Internet

4. Juni 2011

Social Recruiting

Kai Sostmann auf der re:publica 2011 Foto by Jonas Fischer/re:publica

Eigentlich wollten wir sofort nach unserem Besuch der re:publica 2011 über interessante Vorträge – vor allem zu medizinischen Themen – berichten. Leider stellte sich dies als nicht so einfach heraus: Wer im medizinischen Bereich arbeitet und im Internet nach relevanten Seiten sucht, wird schon festgestellt haben, dass das deutschsprachige Internet bezüglich medizinischer Inhalte im Vergleich zum englischsprachigen Internetraum ziemlich verwaist ist. Diesen Eindruck bestätigte auch der Vortrag „Vom Lernen zum (Selbst-) Heiler“ von Kai Sostmann von der Charité Berlin (Kinderklinik). Er beschäftigt sich mit der Frage, wie das Internet Arbeitnehmer, Studenten und Auszubildende aus dem medizinischen Umfeld unterstützen könnte. Dies hat zwar nur indirekt mit den derzeitigen Arbeitsbedingungen von Ärzten zu tun, zukünftig könnte es aber zum medizinischen Arbeitsalltag gehören, Symptome mit Patienten über das Internet oder geeignete mobile Applikationen abzuklären. Also ein sehr innovativer Ansatz, den wir deshalb auch hier in unserem HR Portal vorstellen möchten.

Sostmann erläuterte in seinem Vortrag die entsprechenden  Anwendungsmöglichkeiten für Ärzte/innen und med. Personal:

1. Online-Nachschlagewerke: Sowohl Ärzte als auch Studenten oder andere medizinische Fachkräfte können Diagnosen, Symptome, Beschwerdebilder und sonstige Schlagworte googlen oder in Wikipedia suchen, um oberflächliche Informationen zu erhalten. Als Beispiel nannte er medscape http://emedicine.medscape.com/ – ein umfangreiches englischsprachiges Online-Nachschlagewerk. Neben medizinischen Berichten und Artikeln bietet medscape iPhone-, BlackBerry- und Android-Applications mit Zugriff auf die Datenbank. Ein weiteres Beispiel ist iTriage http://www.itriagehealth.com – eine englischsprachige Suchmaschine für Symptome, Krankheiten und Krankenhäuser, die zwar eher patientenorientiert aufgebaut ist, aber auch Ärzten Anregungen oder Anschauungsmaterial bieten kann. Interessant an dieser Seite sind die vielfältigen Möglichkeiten der Suche z.B. nach „Symptoms“ (sogar anhand der Darstellung eines Menschen), „Diseases“, „Procedures“, „Medications“ oder „Providers“. Auch itriagehealth bietet Smartphone-Apps für iPhone und Android. Es lohnt sich, beide Seiten und deren Smartphone-Apps einmal anzuschauen.

2. Online-Patientendatenbank: Mittelfristig bietet sich die Möglichkeit, Patienteninformationen, Diagnosen usw. online zu archivieren, um diese (mit Einverständnis des Patienten) gegebenenfalls anderen Ärzten und Fachkräften zugänglich zu machen. So könnten sich alle Beteiligten austauschen und einen besseren Überblick über den Behandlungsverlauf bekommen. Möglichweise könnte man sogar den Patienten einbeziehen, indem dieser seine eigenen Beobachtungen regelmäßig online bereitstellt. Problematisch wären hier allerdings die Datenfülle für den Arzt und die Datensicherheit für den Patienten. Aber: Die Menge an Informationen, die ein Patient selbst zusammentragen kann, lassen sich in einem Arztgespräch bzw. in der Patientendatei eines Arztes nicht sammeln. Als Beispiel nannte Kai Sostmann hier Microsoft HealthVault http://www.healthvault.com/ – ein „personal health record“, in dem Arzt und Patient in einem geschützten Raum zusammenarbeiten können. Dort sollen nicht nur (chronische) Krankheitssymptome festgehalten werden, sondern auch die Krankheitsgeschichte von Eltern und anderen Familienangehörigen für den Arzt zugänglich sein. Microsoft argumentiert, dass der Patient auf diese Weise seine Fortschritte im Auge behalten kann, was ihn während des Behandlungsprozesses motiviere. Ein weiteres Beispiel sind die Telehealth-Programme von American Well http://www.americanwell.com/, die mit dem Slogan werben: „Point, Click, Get Care: Online Care Brings Health Care Directly to Employees at Work or Home„.

3. Veranschaulichung: Neben der Online-Kommunikation zwischen Arzt und Patient oder dem Aufzeichnen von Krankheitsverläufen, könnte man auch soziale Netzwerke wie YouTube http://www.youtube.com/ oder flickr http://www.flickr.com/ für die unterstützende Veranschaulichung von Krankheitsbildern, Behandlungen, möglichen Gefahren bzw. Therapien nutzen.Als Beispiel nannte Sostmann hier ein Keuchhusten-Video auf Youtube, das die Eltern zur diesem Zweck von ihrem Babyaufgenommen hatten (http://www.youtube.com/watch?v=X8yUSV4oqoU). Interessant sei in diesem Zusammenhang auch Googles Flutrend http://www.google.org/flutrends/, das aus der Häufigkeit der Eingabe bestimmter Suchbegriffe eine theoretische Häufigkeitsverteilungskarte von Grippe-Erkrankungen errechnet.

4. Patienten-Empowerment: Patientenaustauschportale sind auch in Deutschland vorhanden, aber nicht so weit entwickelt wie z B. in den USA. Im englischsprachigen patientslikeme http://www.patientslikeme.com/ zeichnen 10.2000 Patienten ihre chronischen Erkrankungen, Symptome, den derzeitig gefühlten Gesundheitszustand und die Lebensqualität auf und tauschen sich mit anderen Patienten aus – „You are not alone“ und „Who is like you?“ sind zentrale Claims dieses Portals. Das deutsche Portal http://patientenwieich.de/ kann weder so viele Mitglieder noch den gleichen Service bieten. Dafür gibt es hier einen Gewichts- und einen Diabetis-Monitor, in dem der Patient seine Werte wie Blutzucker usw. in einem excel-ähnlichen Schaubild verfolgen kann. Ein Bündel an verschiedenen Informations- und Austauschseiten bietet der Gong-Verlag auf seiner Seite http://www.qualimedic.de – darunter auch den Patientenaustausch-Blog http://www.patienten-erfahrungen.de/.

5. Therapie-Webseiten und -Applications: Eine echte Therapieseite bietet Tactus International auf ihrer englischsprachigen Website http://www.lookatyourdrinking.com/ – (von Kai Sostmann als Best Practice genannt). Dort gibt es den kostenpflichtigen Service der „Gefährdungseinordnung“ für Alkoholiker: Laut Sostmann konnten dort Alkoholkranke bessere Therapieerfolge erzielen als durch herkömmliche Therapie allein. Für Sostmann könnten in Zukunft (Smartphone-) Patientenanwendungen zur therapieunterstützenden Selbstbeobachtung und als Informationsbasis für den Arzt z. B. für Diabetes- und Adipositas-Patienten hilfreich sein.

Vorteile: Wenn Patienten ihre Symptome im Internet regelmäßig dokumentieren und Ärzte Zugriff auf diese Daten haben, könnte dies in manchen Fällen Früherkennungen ermöglichen. Außerdem, so weist Sostmann hin, könnten bei einem solchen Datenaustausch bis dato unbekannte Zusammenhänge aufgedeckt werden, wie z.B. Parkinson. So könnte man in Zukunft gezielter therapieren und größere Erfolge verbuchen.

Schwierigkeiten sieht Sostmann beim Zugang zum Internet und bei der unterschiedlichen Medienkompetenz der Menschen. Sowohl gesundheitsrelevantes Verhalten als auch Medienkompetenz ergeben sich je nach Herkunft und Gesellschaftsschicht. Man dürfe bei aller technischen und medizinischen Entwicklung nicht vergessen, Patienten auch darüber zu informieren und weiterzubilden. Dies sei auch eine Frage des Patienten-Empowerment!
Allerdings trifft das Problem vor allem Landärzte, wie der deutsche Mathematiker und Philosoph Gunter Dueck in einem anderen Vortrag berichtet: Landärzte haben doch mitunter Schwierigkeiten mit der Netzanbindung, auch das mobile Internet funktioniert noch nicht überall.

Neben allen positiven Beispielen gibt es jedoch auch Webseiten, die Sostmann für brisant hält. Hier sei die Seite www.23andme.com genannt, auf der man sich ab 99 $ seine DNA analysieren lassen kann. Auch um die Problematik solcher Portale besser einschätzen zu können veranstaltet die Charité Berlin für  ihre Studenten Seminare, die den sinnvollen Umgang mit dem Internet vermitteln.

Abschließend sei bemerkt: Ausführliche Arztgespräche sind notwendiger denn je. Das Internet kann das Expertenwissen und die Erfahrungen eines Arztes nicht ersetzen. Zwar hat man versucht, die Erkennungs-Algorithmen, mit denen ein erfahrener Arzt eine Diagnose erstellt, nachzuprogrammieren, doch dies war wenig erfolgreich. Leider braucht das Erlernen dieser „Algorithmen“ sehr viel Zeit: 10 Jahre tägliche Praxis von mindestens 4 Stunden täglich bis man diese Erfahrung erworben hat (Deliberate Practice) so Sostmann.

 

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Kai Sostmann und Zuhörer auf der re:publica 2011 Foto by Jonas Fischer/re:publica

Hierzu auch:

http://oe1.orf.at/artikel/213973

http://secondflush.de/tag/patientslikeme/

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