„Recruiting über den Tellerrand“ – ausländische Pflegekräfte als Lösung für den Fachkräftemangel

Blo­gin­ter­view mit der Geschäfts­füh­re­rin der Unter­neh­mens­be­ra­tung für das Gesund­heits­we­sen (UBG) Astrid Von­hoff

Die aktu­elle Pro­ble­ma­tik des Fach­kräf­te­man­gels im deut­schen Gesund­heits­sys­tem sowie die Mög­lich­kei­ten, die­sen Not­stand zu ver­rin­gern und Lösungs­an­sätze anzu­bie­ten wur­den in unse­rem Blog wie­der­holt the­ma­ti­siert und mit den fach­qua­li­fi­zier­ten Exper­ten dis­ku­tiert. Heute möch­ten wir diese Frage in unse­rem Blog­bei­trag erneut dis­ku­tie­ren und mit einer Exper­tin spre­chen, die sich der Her­aus­for­de­rung gestellt und eine inno­va­tive und ziel­ge­rich­tete Lösung für den Fach­kräf­te­man­gel in Deutsch­land aus­ge­ar­bei­tet hat.

R.W.: Hallo Frau Von­hoff, ich heiße Sie zu unse­rem Inter­view herz­lich will­kom­men! Zunächst möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Zeit und Ihre Bereit­schaft bedan­ken, mit uns hier gemein­sam die akute Pro­ble­ma­tik des Fach­kräf­te­man­gels zu the­ma­ti­sie­ren, Ideen und Trends auf­zu­spü­ren sowie alter­na­tive Wege der Fach­kräf­te­ge­win­nung vor­zu­stel­len. Bereits seit meh­re­ren Jah­ren sind Sie als Unter­neh­mens­be­ra­te­rin für Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, Pfle­ge­heime, Kran­ken­häu­ser und Pra­xis­kli­ni­ken tätig und unter­stüt­zen Ihre Kun­den bei viel­fäl­ti­gen Anläs­sen. Auch in Fra­gen des Fach­kräf­te­man­gels und des inter­na­tio­na­len Recruit­ings haben Sie sich spe­zia­li­siert. Wie sind Sie zu die­sem Thema gekom­men? Wo liegt Ihre per­sön­li­che Moti­va­tion und wie ist die Aus­gangs­lage für diese Tätig­keit gewe­sen?

A.V.: Seit 10 Jah­ren unter­richte ich an chi­ne­si­schen Uni­ver­si­tä­ten Kran­ken­pflege. Ich habe in China zwei Hono­rar­pro­fes­su­ren. Schon früh­zei­tig habe ich dar­über nach­ge­dacht, wie man die sehr guten chi­ne­si­schen Kran­ken­schwes­tern für Deutsch­land gewin­nen könnte. Mög­lich war mir das jedoch erst seit Juli 2013 als die neue Beschäf­ti­gungs­ver­ord­nung kam. Das inter­na­tio­nale Recruit­ing ist eine sehr gute Mög­lich­keit auf den deut­schen Fach­kräf­te­man­gel zu reagie­ren. Auf­grund mei­ner Erfah­run­gen in China kenne ich die chi­ne­si­schen Kran­ken­schwes­tern gut und kann sie deut­schen Arbeit­ge­bern als hoch­mo­ti­vierte Fach­kräfte sehr emp­feh­len.

R.W.: Sie wer­ben damit, dass Sie ent­lang des gesam­ten Ver­mitt­lungs­pro­zes­ses mana­gen und mode­rie­ren. Wie ist Ihre Funk­tion und worin bestehen Ihre Auf­ga­ben in die­sem Ver­mitt­lungs­pro­zess?

A.V.: Dazu nenne ich Ihnen gerne die ein­zel­nen Schritte des Ver­mitt­lungs­pro­zes­ses, aus denen sich dann die Auf­ga­ben erge­ben:

  1. Schritt: Iden­ti­fi­ka­tion und Anwer­bung geeig­ne­ter Bewer­be­rin­nen im gewünsch­ten Her­kunfts­land,
  2. Schritt: Orga­ni­sa­tion der erfolg­rei­chen Teil­nahme der Kan­di­da­ten an einem Sprach­kurs mit dem Abschluss B2 GER,
  3. Schritt: Orga­ni­sa­tion eines inter­kul­tu­rel­len Trai­nings sowie ggf. der Nach­schu­lung etwai­ger fach­li­cher Defi­zite,
  4. Schritt: Gleich­wer­tig­keits­ver­fah­ren oder Aner­ken­nungs­ma­nage­ment der im Aus­land erwor­be­nen Qua­li­fi­ka­tion als Pfle­ge­fach­kraft oder Arzt mit der jeweils zustän­di­gen Stelle,
  5. Schritt: Manage­ment der Ein­rei­se­for­ma­li­tä­ten mit den Inlands- und Aus­lands­be­hör­den,
  6. Schritt: Unter­stüt­zung bei der Schaf­fung der not­wen­di­gen Rah­men­be­din­gun­gen vor Ort und in Ihrem Unter­neh­men,
  7. Schritt: Inter­kul­tu­relle Trai­nings von Teams im Unter­neh­men, wel­ches aus­län­di­sche Fach­kräfte auf­nimmt.

R.W.: Wie funk­tio­nie­ren Iden­ti­fi­ka­tion und Anwer­bung geeig­ne­ter Bewer­ber? Wel­che Vor­aus­set­zun­gen der Bewer­ber sind dabei essen­ti­ell? In wel­chen Län­dern rekru­tie­ren Sie am häu­figs­ten?

A.V.: Meine Zusam­men­ar­beit ver­läuft mit Inter­na­tio­nal Nur­sing Trai­nings­cen­tern z. B. in China, und dort in Col­le­ges und Uni­ver­si­tä­ten, wel­che Kran­ken­schwes­tern aus­bil­den. Ich führe die Selek­tion von Bewer­bern durch und führe mit den Kan­di­da­ten die Inter­views. Vor­aus­set­zun­gen, die die Fach­kräfte mit­brin­gen sol­len sind: Das Diploma of Nur­sing oder der Bache­lor Degree sowie die Sprach­kennt­nisse auf B2 Niveau. Die Bewer­ber sol­len fach­lich, per­sön­lich und gesund­heit­lich geeig­net sein. Der­zeit rekru­tiere ich häu­fig erfolg­reich aus China, Viet­nam und Mol­da­wien.

R.W.: Wie gestal­tet sich der Pro­zess der Vor­be­rei­tung von Kran­ken­pfle­ge­kräf­ten auf die Tätig­keit im deut­schen Gesund­heits­we­sen und wie setzt er sich nach der Anwer­bung fort?

A.V.: Die Vor­be­rei­tung von Kran­ken­pfle­ge­kräf­ten ver­läuft in meh­re­ren Schrit­ten, die etwa die­sem Ablauf fol­gen: Begrü­ßung und Abho­lung am Flug­ha­fen, Unter­stüt­zung des Arbeit­ge­bers in der Begrü­ßungs­wo­che der Kan­di­da­ten, Unter­stüt­zung bei den Anmel­dun­gen und Gän­gen zu den Ämtern und bei der Aus­län­der­be­hörde, sprach­li­che Aus­bil­dung (sofern B2 noch nicht vor­han­den ist), Qua­li­fi­zie­rungs­lehr­gang in Vor­be­rei­tung auf die Kennt­nis­stand­prü­fung. Außer­dem biete ich immer die per­sön­li­che Betreu­ung und Unter­stüt­zung der neuen Mitarbeiter/innen an und begleite die Bewer­ber bis zu ihrer Kennt­nis­stand­prü­fung (Deut­sches Kran­ken­pfle­ge­ex­amen) sowie B2-Sprachprüfung.

R.W.: Wie unter­stüt­zen Sie neben der Sprach­aus­bil­dung und (bei Bedarf) ent­spre­chen­der fach­li­cher Wei­ter­bil­dung Ihre Kan­di­da­ten außer­dem?

A.V.: Die Bewer­ber wer­den nach Ankunft in Deutsch­land noch lange von uns beglei­tet. Wir haben z.B. für die chi­ne­si­schen Mit­ar­bei­ter eine Mut­ter­sprach­le­rin im Unter­neh­men beschäf­tigt, die sich auch um die per­sön­li­chen Ange­le­gen­hei­ten Ihrer Lands­leute küm­mert. Wir haben stän­di­gen Kon­takt zu den Kran­ken­schwes­tern, um zeit­nah mit­zu­be­kom­men ob alles gut läuft und im Bedarfs­fall mit Ihnen gemein­sam eine Lösung zu suchen. Für die von uns ver­mit­tel­ten Kran­ken­schwes­tern sind wir auch jeder­zeit ansprech­bar.

R.W.: Gibt es eine Nach­be­rei­tung des Ver­mitt­lungs­pro­zes­ses?

A.V.: Ja, selbst­ver­ständ­lich. Zum einen füh­ren wir nar­ra­tive Inter­views mit den Kan­di­da­tin­nen (wie es ihnen geht, ihre Kar­rie­r­e­wün­sche) und zum ande­ren Eva­lua­ti­ons­ge­sprä­che mit den Arbeit­ge­bern durch. Ers­tens ist unser Ziel, die Ent­wick­lung der Fach­kräfte zu beob­ach­ten und zu doku­men­tie­ren. Zwei­tens möch­ten wir den Arbeit­ge­ber bei even­tu­ell auf­tre­ten­den Pro­ble­men (z.B. fach­li­chen Defi­zi­ten) aktiv unter­stüt­zen.

R.W.: Wie ist Ihre Bilanz zu den bis­her erfolg­ten Ver­mitt­lun­gen? Wie sieht für Sie die Zukunft des deut­schen Gesund­heits­we­sens aus und gibt es gegen­wär­tig eine beson­dere Ten­denz?

A.V.: Die Bilanz zu den bis­her erfolg­ten Ver­mitt­lun­gen ist gut. Von den bis­lang mehr als 200 erfolg­ten Ver­mitt­lun­gen sind 5 Kan­di­da­ten aus unter­schied­li­chen Grün­den in ihr Her­kunfts­land zurück­ge­kehrt. Die Zukunft des deut­schen Gesund­heits­we­sens sehe ich so, dass wir ohne aus­län­di­sche Pfle­ge­fach­kräfte nicht mehr aus­kom­men wer­den. Das kann für beide Län­der eine win-win Situa­tion sein, das heißt, wir benö­ti­gen die Fach­kräfte, sie kom­men, sie arbei­ten, sie ler­nen und keh­ren nach eini­ger Zeit mit erwei­ter­ten Fähig­kei­ten in ihr Her­kunfts­land zurück.

R.W.: Frau Von­hoff, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Wei­tere Arti­kel zum Thema:

Aus­lands­re­kru­tie­rung gegen den Ärz­te­man­gel — sta­tio­näre vs. ambu­lante Ver­sor­gung

Im Fokus: Medi­zi­ni­sche Fach­kräfte aus der Slo­wa­kei

, , ,

Bisher gibt es noch keine Kommentare.

Antwort erstellen

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.