Pflege am Limit: Presse-Frühstück der PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz

24. Februar 2011

Recruiting Trends

Solveigh Schneider vom Diakonischen Werk der evangelischen Kirche der Pfalz und Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) und dessen Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz (beide s. Foto), stellten am 22. Februar im Rahmen eines Pressefrühstücks Arbeit und Ziele der Ende 2010 gegründeten PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz vor. Die PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz versteht sich als eine Arbeitsgemeinschaft, der neben dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) die fünf Verbände der Freien Wohlfahrtspflege Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband und die Diakonie angehören. Die Mitglieder vertreten gemeinsam die ambulante, teilstationäre und stationäre Pflege in Rheinland-Pfalz.

Bernd Meurer bezeichnet die Personalsuche als das „verstärktes Werben um schrumpfende Jahrgänge“. Die Demografische Entwicklung mache sich doppelt bemerkbar: in den oberen Altersgruppen durch Ausscheiden aus dem Berufsleben und in den jüngeren Altersgruppen durch immer kleiner werdende Ausbildungsjahrgänge.  Wirksame Gegenmaßnahmen  wie z.B. eine Roadshow-Kampagne für SchülerInnen in Bayern (bei der sich etwa 20 von 500-600 SchülerInnen zu einer Pflegeausbildung entschlossen hatten) seien zwar erfolgreich gewesen, aber auch sehr aufwändig. Dennoch sei angedacht, ähnliche Konzepte auch für Rheinland Pfalz zu übernehmen. Nicht nachvollziehbar sei es, dass trotz der bekannten Problemlagen Qualifizierungsmaßnahmen aus dem Konjunkturprogramm II gestrichen wurden. Dies bedeute, dass umschulungswillige BewerberInnen Kostenanteile für Qualifizierungsmaßnahmen wieder selber tragen müssten – und das halte viele davon ab, sich für eine solche Maßnahme zu entscheiden. Um mehr Menschen in die Pflegeberufe zu bringen, wären – neben der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse – auch Intensivkurse denkbar, um WiedereinsteigerInnen besser einzugliedern. Parallel dazu müsse aber an den Rahmenbedingungen wie z.B. Kinderbetreuungsangeboten mit flexiblen Öffnungszeiten gearbeitet werden. Zum Thema Anerkennung ausländischer Abschlüsse sei zu bemerken, dass die z.B. in Tschechien, Polen oder England erworbenen Qualifikationen nicht schlechter seien, es fehle hier aber an geeigneten und vor allem einheitlichen Zulassungsverfahren. Alleine in Rheinland Pfalz würden in den nächsten 5 Jahren etwa 750 Fachkräfte ausscheiden – ohne das zusätzliche Potential ausländischer Fachkräfte könnten die drohenden Personalengpässe nicht bewältigt werden. Die Arbeitgeber in der Pflege seien übrigens keinesfalls diejenigen, die sich gegen höhere Vergütungen stemmen würden. Allerdings würden höhere Gehälter zwangsläufig zu höheren Pflegekosten führen,  die aber niemand verantworten wolle. Damit scheitere es nicht nur am politischen Willen sondern häufig an den finanziellen  Möglichkeiten der kommunalen Sozialhilfeträger.

Solveigh Schneider beschreibt den Fachkräftemangel als flächendeckendes Problem in RP. Neue Betriebe seien mehr davon betroffen als etablierte Einrichtungen. Der Pflegemangel führe teilweise zu einer 120%igen Arbeitsauslastung. Dies stelle nicht nur die Belastbarkeit des Personals auf die Probe, sondern ziehe zwangsläufig Qualitätseinbußen nach sich. Nach aktuellen Schätzungen würden in den nächsten 20 Jahren bundesweit ca. 400.000 neue zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Bezogen auf Rheinland Pfalz könnten derzeit etwa 1.000 examinierte Pflegefachkräfte ohne Probleme innerhalb von 1 Woche eine neue Anstellung finden. Aufnahmestopps für PatientInnen und das Umgehen von Personalengpässen mit Hilfskräften seien bereits sichere Indizien dafür, dass die Pflege „am Limit“ sei. Im Schnitt kämen auf Ausschreibungen etwa zwei Bewerber – von großer Auswahl könne da nicht mehr die Rede sein. Das Problem:  Gegenüber den Leistungsträgern muss stets der Nachweis der erforderlichen fachlichen Qualifikationen erbracht sein. Solveigh Schneider mahnte zudem eine Verbesserung der Aus- und Umschulungsmöglichkeiten an und verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Anleitern oder Mentorinnen, die Fachkräften auch in psychisch belastenden Situationen zur Seite stehen könnten. Auch die bessere Integration von MigrantInnen könne zusätzliches Potenzial heben. In diesem Zusammenhang sei es aber wichtig, die Anerkennungsverfahren für im Ausland erworbene Berufsabschlüsse zu vereinheitlichen und zügiger zu gestalten. Eine generalisierte Grundausbildung für Kinder-, Alten- und Krankenpflege mit der Möglichkeit einer späteren Spezialisierung sei ebenso zu wünschen wie eine Ausweitung der Akademisierung der Pflege. Des Weiteren sollten horizontale und vertikale Durchlässigkeit in der Pflege verbessert werden. Auch Anreizsysteme, z.B. bessere Vergütungen an Sonn- und Feiertagen oder das Angebot einer Kinderbetreuung an Wochenenden könnten helfen, Engpässe zu vermeiden. Und an die anwesenden PressevertreterInnen gerichtet bat Frau Schneider darum, in den Medien ein positiveres Image zu vermittelten anstatt den Pflegeberuf als Jammerberuf darzustellen. Das wäre ein wichtiges Signal auch an junge Leute, die sich immer seltener für eine Pflegeausbildung entscheiden.

Fazit: Der Pflegenotstand in Rheinland-Pfalz führt bereits teilweise zu Arbeitsüberlastungen, Qualitätseinbußen und Patienten-Aufnahmestopps. Akut fehlen ca. 1.000 Pflegefachkräfte in Rheinland Pfalz, bundesweit werden es langfristig bis zu 400.000 sein. Nur mit einem verstärkten Werben um Nachwuchs, der aktiven Eingliederung von BerufseinsteigerInnen, Verbesserung der Rahmenbedingungen (Kinderbetreuung/höhere Vergütung von Zusatzdiensten)  sowie einer bundeseinheitlichen und Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse kann dem entgegengewirkt werden.

Weiterführende Links:
Homepage der PflegeGesellschaft Rheinland Pfalz
Homepage des BPA – Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V.
Videobeitrag „Pflegenotstand“ mit Bernd Meurer
Jobmotor Pflege – Kurzfassung der Enste-Studie aus 2009

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