Gegoogelt werden: Was haben BewerberInnen zu befürchten?

1. März 2011

Social Recruiting

Ob es sinn­voll ist, sein gan­zes Pri­vat­le­ben inklu­sive kom­pro­mit­tie­ren­der Fotos und sehr per­sön­li­cher Kom­men­tare für jeden sicht­bar im Inter­net aus­zu­brei­ten, muss jeder selbst ent­schei­den. Wie man sich prä­sen­tiert, hängt aber auch davon ab, in wel­chem der zahl­rei­chen sozia­len Netz­werke man sich mit wel­cher Ziel­set­zung bewegt. Grund­sätz­lich unter­schei­den sich Netz­werke sehr stark: Xing hat sich in Deutsch­land längst als seriö­ses Busi­ness Netz­werk eta­bliert, das auch von Per­so­na­le­rIn­nen genutzt wird. Es ent­hält in der Regel Ein­träge, in denen sich poten­ti­elle Bewer­be­rIn­nen durch­weg sach­lich und mit dem Schwer­punkt auf ihren fach­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen dar­stel­len. Ein Eldo­rado für Recrui­ter, zumin­dest was den Identifizierungs-Prozess bestimm­ter  Qua­li­fi­ka­ti­ons­pro­file angeht.  Nie­mand würde in XING auf die Idee kom­men, zuviel Pri­va­tes preis­zu­ge­ben — es sei denn, er oder sie hat den Cha­rak­ter die­ses Netz­wer­kes nicht ver­stan­den. Stu­diVZ hat gegen­über Face­book sehr stark an Bedeu­tung ver­lo­ren, und wird am ehes­ten noch bei der Aus­wahl von Prak­ti­kan­ten oder young Pro­fes­sio­nals her­an­ge­zo­gen wer­den. Erfah­rene Per­so­na­le­rIn­nen wis­sen aber auch, dass gerade junge Leute inner­halb kür­zes­ter Zeit große Ent­wick­lungs­schübe durch­ma­chen und so wird sich wahr­schein­lich nie­mand die Mühe machen, bei der Aus­wahl von Prak­ti­kan­tIn­nen deren Stu­diVZ Account zu scree­nen und zum Ent­schei­dungs­kri­te­rium für eine Ein­stel­lung zu machen. Mäßig rele­vant für  die Aus­wahl von Bewer­be­rIn­nen ist aus unse­rer Sicht auch Face­book. Ursprüng­lich für die pri­vate Ver­net­zung von Freun­den kon­zi­piert, lädt es zum Pos­ten infor­mel­ler Bot­schaf­ten ein und bie­tet mit zahl­rei­chen Funk­tio­nen weit­aus mehr Mög­lich­kei­ten zur Ver­net­zung als andere ver­gleich­bare Social Net­works. Wenn man, wie die Auto­rin, sel­ber viel in Face­book unter­wegs ist, muss man fest­stel­len, dass die meis­ten User ihre  Accounts inzwi­schen gut mit ent­spre­chen­den Pri­vat­sphä­re­ein­stel­lun­gen abge­schirmt haben. Sie ach­ten sehr genau dar­auf, wer mit ihnen befreun­det sein darf und ob nur “Freunde”, “Freunde von Freun­den”, die  “Fami­lie” (die nicht unbe­dingt mit ech­ten Fami­li­en­mit­glie­dern iden­tisch sein muss) oder aus­ge­wählte Grup­pen bestimmte Inhalte und Bil­der sehen dür­fen. Inso­fern kann man durch­aus behaup­ten, dass die Face­book­Com­mu­nity erwach­sen gewor­den ist. Und das ist auch gut so.

Unsere Emp­feh­lung für die Privatsphäre-Einstellungen: die benut­zer­de­fi­nier­ten “cust­o­mise set­tings” aus­wäh­len

Was die direkte Kom­mu­ni­ka­tion mit poten­ti­el­len Bewer­be­rIn­nen betrifft, so geht das Geben und Neh­men  in Face­book aller­dings nur auf den ers­ten Blick, eher zu Las­ten der Unter­neh­men. Die Ent­schei­dung, wie­weit man poten­ti­el­len Bewer­be­rIn­nen ent­ge­gen­kommt,  ihre Fra­gen beant­wor­tet, ihnen den Ein­stieg in den Recruit­ing­pro­zess erleich­tert oder über die Karriere-Möglichkeiten infor­miert, die man ihnen als Unter­neh­men bie­ten kann, hängt  jedoch davon ab, wie­viel dem Unter­neh­men die Talente wert sind, um die es sich in einem schrump­fen­den Markt bewer­ben muss. Ein Thema, das viele Betrei­be­rIn­nen pri­va­ter Accounts trotz Privatsphäre-Einstellungen umtreibt ist die Frage: Goo­gelt mein Chef mich? Und wenn ich mich bewerbe — sollte ich dann vor­sichts­hal­ber die Fotos der letz­ten Gewerk­schafts­demo aus dem Netz neh­men?

Diese Fra­gen sind gar nicht so abwe­gig: Face­book hat in den letz­ten Jah­ren immer wie­der für böse Über­ra­schun­gen gesorgt, wenn an den Funk­tio­nen etwas geän­dert wurde. So kam es vor, dass die kom­plet­ten Privatsphäre-Einstellungen zurück­ge­setzt wur­den, ohne dass die User sich des­sen bewusst waren. Eine gene­relle Vor­sicht mit dem Umgang per­sön­li­cher Daten und Infor­ma­tio­nen ist daher grund­sätz­lich  und über­all gebo­ten.  Aber wel­che Rolle spielt die Prä­senz in sozia­len Netz­wer­ken wirk­lich in Bewer­bungs­ver­fah­ren? Auf­schluss dar­über gibt eine Stu­die, die Mons­ter gemein­sam mit der Uni­ver­si­tät Erfurt ver­fasst hat und in der das Goo­gle­ver­hal­ten von Chefs unter die Lupe genom­men wird. Die grund­le­gen­den Erkennt­nisse: Gegoo­gelt wird eher zurück­hal­tend. Dies ist aber auch abhän­gig vom Alter und eige­nem Netz­werk­ver­hal­ten der Per­so­na­le­rIn­nen. Über­wie­gend wer­den nach wie vor die übli­chen ana­lo­gen Auswahl- und Assess­ment­ver­fah­ren ange­wandt und zur Beur­tei­lung her­an­ge­zo­gen, wohl auch des­halb, weil das Nutzen-Kostenverhältnis einer zeit­auf­wän­di­gen Recher­che nicht mess­bar ist.  Nur in Aus­nah­me­fäll­len, z.B. wenn zwei Bewer­be­rIn­nen mit ver­gleich­ba­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen übrig blei­ben, wird ein Signa­ling (Rück­griff auf Infor­ma­tio­nen, die Bewer­be­rIn­nen in sozia­len Netz­wer­ken über sich zur Ver­fü­gung stel­len) oder Scree­ning (aktive Suche nach Bewer­ber­in­for­ma­tio­nen im www) im Inter­net durch­ge­führt. Mit ande­ren Wor­ten: Panik auf Sei­ten der Stel­len­su­chen­den ist nicht ange­bracht, aller­dings sollte man sich mit zuneh­men­dem Erklim­men der Kar­rie­re­lei­ter oder als ange­hende Füh­rungs­kraft über­le­gen, wo und wie man sich im Inter­net prä­sen­tiert.  Grund­sätz­lich wer­den Per­so­na­le­rin­nen zwar die Pri­vat­sphäre ihrer Kan­di­da­tIn­nen respek­tie­ren. Aller­dings  steht auch immer die Furcht vor einer Fehl­be­set­zung mit im Raum, die let­zen Endes gegen­über der Unter­neh­mens­lei­tung ver­ant­wor­tet wer­den muss.

Fazit: Bewer­be­rIn­nen prä­sen­tie­ren sich in sozia­len Netz­wer­ken ganz unter­schied­lich, auch in Abhän­gig­keit von der Struk­tur des jewei­li­gen Netz­wer­kes (XING vs. Face­book).  Sie ach­ten zuneh­mend auf ihre Privatsphäre-Einstellungen. Recruit­ing über soziale Netz­werke ist auf­wän­dig und nicht ver­gleich­bar mit ande­ren Recruit­ing­platt­for­men wie z.B. online-Stellenmärkte, Kar­rie­re­mes­sen oder Kar­rie­re­web­pages. Soziale Netz­werke kön­nen aber als Tool ein­ge­setzt wer­den, um über die Kar­rie­re­mög­lich­kei­ten im Unter­neh­men zu infor­mie­ren und eine nied­rig­schwell­lige Kon­takt­auf­nahme zu ermög­li­chen. Die Stu­die von Monster/Uni Erfurt bestä­tigt: Der glä­serne Bewerber/die glä­serne Bewer­be­rin ist ein Mythos. Per­so­na­le­rin­nen goo­geln eher am Ende eines Aus­wahl­ver­fah­rens und das auch nur in Aus­nah­me­fäl­len.  Unser Tipp: Man sollte  trotz­dem immer ein wenig damit rech­nen, gescreent, gescannt und gegoo­gelt zu wer­den und daher seine Pri­vat­sphä­re­ein­stel­lun­gen gut im Blick haben.

Wei­ter­füh­rende Links:
Der goo­gelnde Per­so­na­ler ist ein urba­ner Mythos
Zusam­men­fas­sung der Stu­die von Mons­ter in Zusam­men­ar­beit mit der Uni­ver­si­tät Erfurt
Infos zu: Inhalte aus dem Inter­net ent­ferne­nen

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